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Letzte Änderung: 28. August 2010
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Sättigungsdistanz

© Prof. Ekard Lind Februar 1998
Abdruck und Publikation – in jedweder Form, auch auszugsweise, - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet.

In der Traditionellen Ausbildung wird die Fortführung eines Lernprozesses bis zu seiner Festigung gefordert. „Erst wenn der Hund in einer Aufgabe sicher“ sei, soll man zur nächsten übergehen. Für den reflektionsbegabten Menschen mag dieser Ansatz Vorteile bringen. Anders jedoch bei Tieren. Ist eine Verhaltensweise einmal zur Routine geworden, dann zeigen sich bei Tieren auch jene Erscheinungen, die sich für das Erlernen neuer Übungen kontraproduktiv erweisen. In der Routine sind nicht mehr so viele „Erwartungsrichtungen“ gegeben wie im Erlernstadium. Im Erlernstadium ist dem Hund noch alles neu und interessant. Das fordert die Anpassungsfähigkeiten des Hundes heraus. Vor allem tritt hier die emotionale Intelligenz und in der Folge kreative, intelligente Handlungen auf den Plan. Nicht nur die Sinne, sondern alle vorhandenen individuellen Kräfte sind in Bereitschaft. Diese Präsenz dient nicht nur der Bewältigung anliegender Aufgaben, sie kommt auch der Abgrenzung dicht beieinander liegender Problemstellungen zu Gute!
Hinzu kommt das bereits beschriebene, ganzheitliche Erleben des Hundes und seine begrenzte Fähigkeit zur Abstraktion. Zeitlich und örtlich naheliegende Umweltreize werden nicht getrennt vom anliegenden Problem verarbeitet, sondern gemeinsam. Das heißt, Umweltreize, die in keiner direkten Verbindung zur augenblicklichen Handlung stehen, können in ähnlichem Umfeld Handlungen mit beeinflussen. Nach so und soviel Wiederholungen einer neu erlernten Handlung tut sich der Hund dann schwer, bei Präsenz dieser mitauslösenden Reize eine neue, andere Verhaltensweise zu erlernen. Details bereits gemachter Erfahrungen stehen dann im Widerstreit zur neuen Aufgabe. Der Hund gerät unter diesen Umständen in einen Konflikt, was sich in Übersprunghandlungen, in Unsicherheit, Meiden oder Angstreaktionen äußern kann.

Daher ist es sinnvoll, Lernvorgänge (dicht beieinanderliegender Aufgaben) nicht bis zur ausgeprägten Automation auszudehnen, sondern vorher abzusetzen. Sehen wir uns hierzu eine vereinfachte Lernkurve an. Lernprozesse verlaufen, - ähnlich wie andere Naturvorgänge (Ausbreitung von Massenepidemien – embryonale Zellteilung u.A.) in Exponentialfunktionen (n x). Die dargestellte Lernkurve zeigt den Verlauf nach der bekannten Volterra-Gleichung. Im Bereich a (Anfangsträgheit) steigt der Lernfortschritt wegen der typischen Anfangsschwierigkeiten zunächst zögerlich an. In b folgen dann schnelle Fortschritte. Im Bereich c (Sättigungsbereich), wo es um die Feinheiten einer Ausführung geht, ist dann wiederum viel Zeit für verhältnismäßig wenig Fortschritt erforderlich.

Wenngleich diese vereinfachten Darstellung Rückschläge (Regressionen), Stagnation sowie Leistungssprünge unberücksichtigt läßt, so zeigen die beiden markanten Krümmungsbreiche doch deutlich, worauf es uns hier ankommt. Es geht uns neben der Lernleistung um die Automation, die sich bei zunehmender Leistung einstellt. Da die Automation neben unverkennbaren Vorteilen leider auch die beschriebenen Nachteile mit sich bringt, bietet sich die Möglichkeit, an, entgegen traditioneller Lehrmeinung Lernprozesse nicht bis zum Abschluss der Sättigung auszudehnen, sonder vorher abzubrechen. Ich nenne diesen Vorgang „Sättigungsdistanz“. Lernvorgänge werden demnach im Bereich d innerhalb der Sättigungskrümmung abgebrochen. Es folgt ein neuer Lernprozess. Hierzu ein Beispiel: Angenommen, wir beginnen mit der Übung . Beobachtet man nach einiger Zeit, daß die Aufgabe in den Sättigungsbereich mündet, setzen wir die Übung ab und beginnen mit einer anderen Übung aus der Gruppe der Grundhaltungen.

Dieser abwechslungsreiche Aufbau schafft gute Voraussetzungen für die Vielfalt der Erwartungsrichtungen- und –Inhalte und unterstützt damit die Integrative Motivation. Er wirkt den negativen Momenten der Automation in vielfacher Hinsicht entgegen. Die „Sättigungsdistanz“ setze ich vor allem gegen Verwechslung ähnlicher Übungen ein. Also alle Aufgaben, welche links und rechts auszuführen sind. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die Hunde, welche in der Unterordnung immer links zu gehen gelernt haben und irgendwann einmal in Agility eingesetzt werden. Diese Hunde haben enorme Probleme, auch rechts zu laufen. Den eigentlichen Anstoß für die konsequente, methodische Übertragung der entdeckten „Sättigungsdistanz“ gaben zwei Herausforderungen. Zum einen waren es die Aufgaben der neuen Sportart TEAM-dance. Dort wird der Großteil der Aufgaben links und rechts gefordert. (19 Standards mit jeweils bis zu 10 Elementen ergeben an die zweihundert Grundaufgaben! – Die Kombinationen nicht mitgerechnet!). Herkömmliche Methoden brachten zu viel Ausfälle und benötigten viel zu viel Zeit. Zum anderen hatte ich herausgefunden, daß Bestärkungen (Belohungen aller Art) und Körperhilfen nicht zu lange permanent gegeben werden dürfen. Hier gilt: Belohnungen und Hilfen müssen so früh wie möglich abgebaut werden! Spätestens jedoch zu Beginn der Sättigung. Der ideale Abbau folgt wiederum nicht strengen, sondern komplexen „chaotischen Regeln“. Viele Hundeführer bauen zu spät und zu primitiv ab Das ist die eigentliche Ursache dafür, daß sich ihre Hunde nur dann freudig und engagiert zeigen, wenn Futter oder Ball sichtbar sind und wenn die gewohnten Körperhilfen gegeben werden.

Hier noch eine Ergänzung: Die Sättigungs-Distanz ist nicht zu verwechseln mit dem bekannten Lern-Plateau. Letzteres besagt, daß man innerhalb einer bestimmten Zeit nur ein bestimmtes Volumen an Lernleistung einbringen kann. Mehr Lernen innerhalb dieser Zeit bringt keinen weiteren Gewinn. Bei der Sättigungs-Distanz hingegen geht es darum, die negativen Begleiterscheinungen ausgeprägter Automation im Hinblick auf neue, vor allem verwechselbare Lernziele zu vermeiden.

 

 
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