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Letzte Änderung: 28. August 2010
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Natürlichkeit Teil1


„Natürlichkeit“ im Spiegel der "Vorführleistung"

© Prof. Ekard Lind
Abdruck und Publikation – in jedweder Form, auch auszugsweise, - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet.


Einleitung

Bekanntlich erfolgt die Bewertung im Hundesport nach Noten und Punkten, wobei Noten und dazugehörende Punkte der Ausführung der Übung entsprechen müssen. Es ist also keine Trennung der beiden Ebenen, etwa nach Gesamteindruck und Technischer Ausführung vorgesehen, sondern die Verbindung beider. Auch im Reitsport gibt es ja nur eine Bewertung, wenn wir einmal von den Darbieten unter Verwendung von Musik absehen. Trotzdem wird sehr wohl Wert auf die nicht technischen Kriterien der Ausführung Wert gelegt, im Hunde- wie im Reitsport. So strebt der Hundeführer beispielsweise ein freudig schnelles Zurückkommen bei den Apportierübungen an, und es schlägt sich auch (in der Regel) in Punkten nieder, ob der Hund die entscheidenden letzten vier Meter deutlich langsamer wird oder sein Tempo hält, soweit es der Bewegungsvorgang, der ja in einem Stopp endet, erlaubt. Beachten wir aber die beiden Kriterien „freudig“ und „schnell“. Das erste stellt eine mehr qualitative Leistung, das zweite eine mehr Technische dar. Im Gesamteindruck schmelzen die beiden Kriterien zusammen. Pädagogisch gesehen bietet die zeitweise Trennung der Inhalte wichtige methodische Ansätze. Soweit die Praxis, um die es gar nicht so schlecht bestellt scheint. Liest man jedoch in der IPO nach, so findet sich bei der Apportierübung im Hinblick auf die Ausführungskriterien lediglich der Begriff „schnell“. Das Übergewicht technischer Anforderungen im Vergleich zu den, sagen wir Qualitativen ist eklatant und zieht sich durch die gesamte PO, national wie international mit nur marginalen Unterschieden. Und der Begriff „freudig“, so wertvoll er ist, sollte nicht als Allerweltswort für all jenes herhalten, was einer treffenderen Formulierung zustünde.

Die Prüfungsordnung

Im „Leitfaden für das internationale Gebrauchshundewesen dr F.C.I.“ sind die Sparten Fährte, Unterordnung und Schutz genau beschrieben. Auch der Punkteabzug einzelner Fehler oder Teilleistungen ist angegeben. Die formale Leistungsdarstellung ist also relativ gut repräsentiert. So findet man zum Beispiel unmißverständlich formuliert, wie der Hund in der Freifolge neben dem Hundeführer zu gehen hat: „...mit dem Schulterblatt immer in Kniehöhe an der linken Seite des Hundeführers ...“. Diesen formalen, äußeren Anforderungen sind weitere, qualitative (und nochmals eine formale) vorangestellt: „Von der Grundstellung aus muß der Hund dem Hundeführer auf as Hörzeichen „Fuß!“ a u f m e r k s a m , f r e u d i g und g e r a d e folgen.“ Soweit die Anforderungen an den Hund. (Auf die Begriffe aufmerksam und freudig werden wir im weiteren Verlauf noch näher eingehen.) Die an den Hundeführer gerichteten Erwartungen beschränken sich auf die Unterscheidung der Gangarten: dem „normalen“ Schritt (in der IPO: „gewöhnlichen“ Schritt), dem „langsamen“ und dem „Laufschritt“. Übertriebene, unnatürliche Gangweisen werden von den meisten Richtern zu Recht mit Punkteabzug geahndet, denn eine abweichende Gangweise zeigt entweder sportliche Unzulänglichkeit oder sie verrät verbotene Körperhilfen. (Ob Hilfen absichtlich oder zufällig gegeben werden, spielt im Sinne einer Beurteilung keine Rolle!).

Im Pladoyer der Richter werden abweichende Gangweise dann häufig mit den Worten „unnatürlich“, oder „abnormal“bezeichnet. Ausgesprochen oder nicht, kann sich der Richter hierbei auf den Doppelaspektes des Begriffes „Normal“ berufen, der ja in der vorgeschriebenen „Normalen Gangart“ verankert liegt. Die „Normale“ Gangart unterscheidet sich ja nicht nur von der „Langsamen“ und vom „Laufschritt“, sondern sie setzt sich darüberhinaus von abnormalem, unnatürlichem Gehen ab.

Wenn zum Beispiel ein Hundeführer seine Schrittweite oder -Frequenz derart verändert, daß es zu seiner Statur in auffälliger Weise einfach nicht mehr zusammenstimmt, dann entfernt er sich vor aller Augen vom Natürlichen und vom Normalen. Das gleiche gilt für jenen Hundeführer, der immer nach rechts ausweicht, weil ihn der Hund bedrängt oder jenen, der entweder langsamer oder schneller wird, um den Abstand zu einem zurückbleibenden oder vorauseilenden Hund zu kaschieren.

Die Ursachen, Motive oder Hintergründe sind wie gesagt gleichgültig, denn der Sportrichter stellt weder Charakterprofile noch Moralurkunden aus, sondern er bewertet „Sportliche Leistungen“. Ob es im einen oder anderen Fall nun Prüfungsnervosität war oder geplanter, eingeübter und versuchter Betrug, steht streng genommen nicht zur Diskussion.

Was jedoch im Visier der Kritik und Bewertung steht, ist der Leistungs- Unterschied. Blieben neben den bekannten äußeren Formunterschieden die Unterschiede in der Vorführungs-Leisitung unberücksichtigt, dann wäre jener ungerecht behandelt, dem es gelingt, seine Vorführung frei von Abweichungen, Unzulänglichkeiten oder Hilfen darzustellen.

Wir können von Glück reden, daß viele Prüfungsrichter stets ein wachsames Auge auf jene Bereiche der Hundesportleistung werfen, die in den leider veralteten nationalen und Internationalen Prüfungsordnungen außer mit dem soeben interpretiertem Doppelaspekt der Natürlichkeit mit keinem einzigen Wort, mit keinem Satz Erwähnung finden. Wenn man sich vor Augen hält, daß der (grüne) “Leitfaden für das internationale Gebrauchshundewesen der F.C.I.“ zweiundsechzig Seiten umfasst, so müsste eigentlich in manchen Köpfen eine Alarmglocke zu leuten beginnen. Da erfährt man viel über „Allgemeinen Bestimmungen“, über „Zulassungsbestimmungen“, man liest über „Ehrenpreise“ und eine Menge anderer Dinge. Dem „korrekten An- und Abmelden“ ist innerhalb des Abschnitts „Verhalten des Hundeführers“ viel Raum gewidmet. Seltsam, daß hier auf einmal wert auf Darstellung gelegt wird. Das erinnert doch noch stark an jene Zeit: „Mütze runter! - stramm stehen! Namen melden!“ - Ordnung und Form müssen sein - auch im Sport. Das wird jeder einsehen. Was jedoch nicht einzusehen ist, daß in den PO’s nirgendwo zu finden ist, wie die Vorführung als solche auszusehen hat. Und wenn wir schon beim Kritisieren sind, so fällt mir beim Studieren der PO noch ein weiterer Punkt auf. Die Prüfungsordnung ist voll von Bestimmungen und Abzugshinweisen. Die positiven Beschreibungen der Ziele hingegen sind entweder nur auf technischer, formaler Ebenen oder überhaupt nicht angegeben. Die gesamte PO spiegelt immer noch die geistige Strömung jener Zeit wider, in welcher sie abgefasst wurde. Veränderungen im Denken, die durch die gewaltigen geistigen Errungenschaften der letzten fünzig Jahre auf allen Gebieten geleistet wurden, blieben weitgehend unberücksichtigt. Wir wissen heute beispielsweise in der Pädagogik - daß Forderungen POSITIV zu vermitteln und zu formulieren sind. Nicht die angedrohte Strafe, sondern die zu erwartende Belohnung bringen den besseren Erfolg! Genau dieser Inhalt wurde in zahllosen Forschungsarbeiten erhärtet und ist in seiner phänomenalen Gültigkeit heute unumstritten.

Auch die Prüfungsordnung als oberstes Orientierungsplateau hat diesen Erkenntnissen Rechnung zu tragen. Das heißt, man müßte sich endlich bemühen, klar zu formulieren, wo die Zielsetzungen liegen, was also zu erreichen sei und erst nebenbei und anschließend - was nicht entspricht und daher Abwertung erfährt. Die Stagnation im Turnierwesen, die Rückläufigkeit der Zahlen aktiver Hundesportler in den Vereinen, das sind doch Alarmzeichen, die uns aufrütteln müssten. Die in den letzten Jahren unternommenen Versuche, dem Dilemma mit Strukturvarianten der Turniergestaltung zu begegnen, haben wenig gefruchtet. Wir müssen, wenn der Schutz-Hundesport wieder attraktiv werden soll für die Öffentlichkeit; - für junge Leute, die mitmachen und für viele, die gerne zuschauen, - die Ziele als solche überdenken. An der Peripherie herumzubasteln, das bringt doch nichts. Es muß uns gelingen, den Hundesport so zu interpretieren und zu gestalten, daß er den Ausführenden und Zuschauenden - so weit wie möglich - gleichermaßen begeistert. Das kann jedoch eine „Vorführung“, deren Qualitäten m i t k e i n e m Wort in der Prüfungsordnung überhaupt erwähnt sind, weder vermitteln noch leisten!
Dabei bräuchte die PO nicht einmal verändert werden. Wenige Ergänzungen würden genügen! Mit drei Sätzen und einigen allgemein verständlichen Begriffen könnte man jene Dimension öffnen, die uns vom Anschluss an eine zeitgemäße Sportdisziplin trennt. Mit nur drei Sätzen! (Ich spreche hier von der Unterordnung, die meiner Ansicht nach von allen drei Disziplinen am meisten an Interpretationsbedarf leidet!)

Dieses kritische Statement zur PO soll jedoch nicht dahingehend verstanden werden, es sei alles Mist, was sich die Urheber einst ausgedacht hatten. Ganz im Gegenteil! Die SchH in ihrer Gesamtheit, der Übungsaufbau- und -Ablauf, stellt eine großartige Leistung dar. Aber die Dinge entwickeln sich. Tradition lebt von der Erneuerung des Alten. Wir haben heute eine veränderte Vorstellung vom idealen Umgang mit Tieren als vor fünfundzwanzig Jahren. Und das kommt ja auch im Hundesport zur Geltung, man denke nur daran, wie man sich heute etwa innerhalb der Unterordnung eine Freifolge in voller Punktzahl vorstellt: Aufmerksamer Blick nach oben, freudiges Mitgehen usw. - das ist „in“. Aber die Möglichkeiten sind damit nicht annähernd ausgeschöpft, die Linie nicht klar genug vorgegeben und die Details nicht einmal im Ansatz formuliert. Dieser Aufsatz, um den ich von einigen verantwortungsbewussten Richtern und Turniersportlern aus Österreich und der Schweiz gebeten wurde, könnte ein erster Schritt sein.

Schnelligkeit - das non plus ultra?

Das erste Ziel dieses Aufsatzes ist es daher, unseren Blick in zweifacher Perspektive zu schärfen: Zum einen soll klar herausgearbeitet werden, wo das natürliche Körpersignal endet und wo die unerlaubte Hilfe beginnt, zum anderen aber soll nicht nur die negative Abgrenzung in der Bewertung behandelt werden, sondern betont die Positive, das heißt, die Möglichkeit, Haltung und Bewegung in den Dienst einer gesteigerten Vorführung zu stellen. Mit anderen Worten, nach oben hin dürften die Bemühungen einer idealen Vorführung nicht da enden, wo der Punkteabzug aufhört, wo man also die Minimalanforderung erfüllt. Das mag auf den ersten Blick überzeichnet scheinen. Aber bei näherer Betrachtung der Möglichkeiten wird klar, daß jener, der konzentriert, in ständiger geistiger Verbindung mit seinem Hund, was sich an der Körpersprache beider als auch in den formalen Leistungskriterien weitgehend ablesen läßt, der darüber hinaus das richtige Verhältnis von „Freudigkeit“ und „Beherrschung“ in den Schritt bringt, der noch weiter jeden Schritt harmonisch und ausgewogen vorführt, daß jener die ungleich höhere sportliche Leistung einbringt als andere, deren Vorführung mehr zufällig ablaufen, behaftet mit zahlreichen Unzulänglichkeiten im Detail. Es liegt beispielsweise ein unverkennbarer Unterschied darin, ob ein Hundeführer gemeinsam mit seinem Hund eine runde, ausgewogenen Seit- oder Kehrtwendung präsentiert oder n u r schnell vorführt. Wir begehen einen gewaltigen Fehler, wenn wir Schnelligkeit als höchtes Ziel anstreben! Noch höher als Schnelligkeit ist die Teamleistung einzustufen, denn es bedeutet ausbildungstechnisch gesehen die weitaus schwieriger Aufgabe, zur Schnelligkeit noch die „Ausgeglichenheit der Bewegung“ und die „Beherrschung der Übergänge“ einzubringen.

Mit den heute verfügbaren Motivationsmethoden ist es leicht geworden, eine Übung schnell zu gestalten. Analysiert man jedoch Video-Zeitlupenaufnahmen, so fällt einem bei vielen Vorführungen der Bruch innerhalb des Ablaufes auf: Der Hund hat zwar gelernt, auf ein bestimmtes Signal zu RE-agieren, s c h n e l l zu reagieren, aber was fehlt, ist der ausgewogene Übergang, der eben die Vollkommenheit einer Bewegung ausmacht. Ziel dieses Aufsatzes ist es, den Blick des Hundeführers und Ausbilders in Punko Haltung und Bewegung in zweifacher Hinsicht zu schärfen: Zum Einen soll klar herausgearbeitet werden, wo das (erlaubte) natürliche Körpersignal endet und wo die (unerlaubte) Hilfe beginnt, zum anderen aber soll auch der p o s i t i v e Aspekt von Haltung und Bewegung nicht zu kurz kommen. Unsere Bemühungen dürfen nicht da enden, wo es keinen Puntkeabzug mehr gibt - nur weil die Mindestforderung erfüllt wurde. Haltung und Bewegung bieten noch längst nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten, die Teamarbeit von Hundeführer und Hund weiter zu verfeinern und auszubauen. Diese Möglichkeiten gilt es zu nützen.

Fragen und Antworten

Das Wort „Natürlichkeit“ begegnet uns derart oft im täglichen Leben, daß wir kaum noch darüber nachdenken, was es bedeutet. Umkreist man den Begriff allerdings mit Fragen, so erweist sich die Bedeutung als längst nicht so klar und unproblematisch:

Ist alles, was uns in der Natur begegnet, auch wirklich natürlich? Stellt sich Natürlichkeit im Leben als etwas Selbstverständliches ein oder muß sie, zumindest teilweise, erworben werden? Kann etwa die ungewöhnliche Gangart eines bestimmten Menschen als natürlich bezeichnet werden, weil es seine besondere Art ist, sich so zu bewegen oder müssen wir von einer „übergeordneten Natürlichkeit“ ausgehen, die in sechs Millionen Jahren Menschheitsgeschichte gewachsen ist und daher für die spezies Mensch als Ganzes gilt? Die Natürlichkeit des Einzelnen wäre dann in Bezug zur übergeordneten Natürlichkeit zu bewerten. Nach welchen Kriterien ließe sich Natürlichkeit bewerten und welche Bedeutung käme in diesem Gefüge den kulturellen und soziologischen, den länder- und völkerspezifischen Unterschieden zu? Wo beginnt die individuelle Natürlichkeit vom Übergeordeten abzudriften und welche der zu beobachtenden Veränderungen - auf jeder Ebene - wollen wir unterstützen und welch andere drohen das Schiff aus dem Ruder laufen zu lassen? Fragen, die zum Nachdenken anregen.

Der Hundesportler braucht in Punkto Natürlichkeit keine komplizierten Fragen zu konstruieren, sozusagen als Gedankespiel um seiner selbst willen. Fragen liegen vielmehr auf der Hand, und zwar brennende Fragen. Fragen, die sich förmlich aufdrängen. Fragen, die für den ausübenden Praktiker (den Hundesportler) ebenso wie für den pädagogisch amtierenden Kursleiter wichtig sind. Fragen schließlich, die auch dem Richter zum Maßstab geleiten. Über Natürlichkeit im Hundesport zu diskutieren, bedeutet daher nicht weniger als eine existentielle Notwendigkeit. Aber Fragen erfordern Antworten. Und wir brauchen gültige Anworten! Antworten, auf deren Inhalt sich der Praktiker ebenso wie der Ausbilder und Richter verlassen können muß. - Bei allem Respekt vor dem Recht individueller Auslegung - die Solidität der Maßstäbe muß angesichts einer Jahre dauernden Hundeausbildung weitgehend garantiert sein.
Gültige Antworten auf Fragen erhalten wir jedoch nur, wenn wir das vorhandene Wissen jener Fachleute miteinbeziehen, die sich von Berufs wegen mit der Materie befassen. Gemeint sind Physiologen, Mediziner, Ethnologen und jene Kunstbereiche, welche Haltung und Bewegung als Gegenstand haben. Bedeutende Denker wie Schiller, Goethe, Kleist und viele andere, allgemein weniger bekannte Größen haben über Natürlichkeit nachgesonnen und Einblicke geöffnet, die bis heute nicht an Bedeutung verloren haben. Unser Wissen in den einzelnen Wissenschaftszweigen ist gewachsen und es werden immer mehr Querverbindungen entdeckt, ausgewertet und genützt. Es lohnt also, Gedanken bedeutender Menschen zumindest ein Stück weit zu begleiten, denn wir werden nicht nur Antworten auf unsere Fragen finden, wir beleben auf diese Weise den Hundesport mit Denkanstößen, mit neuen Perspektiven und erweiterten Möglichkeiten.

Der Autor dieses Aufsatzes hat mehr als ein Jahrzehnt eine Hochschulvorlesung in der Thematik „Haltung und Bewegung ... “ abgehalten, mehrere wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Themenkreis publiziert und beim Österreichischen Bundesverlag Wien das Buch „Bewegungsausgleich für Musiker“ herausgebracht. (Der Titel könnt genau so gut „Bewegungsausgleich des Zivilisationsmenschen“ heißen) Machen wir also den Versuch, Einiges aus der Lehre von Haltung und Bewegung auf den Hundesport zu übertragen, indem wir auf verschiedene Begriffe näher eingehen.

Über das „Wie“ der Vorführung

Die Entwicklung der internationalen Turnier-Ebene geht immer mehr dahin, auch das „Wie“ der Vorführung ins Feld des Interesses und der Bewertung zu stellen. Das ist gut so, denn qualitative Unterschiede der Vorführung dürfen mit dem Ziel einer gerechten Bewertung nicht unberücksichtigt bleiben. Liegen doch Welten zwischen einer schwach motivierten, unkontrollierten oder unästhetischen Gangweise einerseits oder einer ausstrahlungsstarken, in jedem Schritt kontrollierten und überzeugend ausgeglichenen Gangweise andererseits. Und das gilt nicht nur für den Hund, sondern ebenso für den Hundeführer. Es ist weder gleichgültig noch unwesentlich, ob etwa Wendungen mit einem durch den ganzen Körper zuckenden Ruck eingeleitet werden; ob der Hundeführer bei jedem Halt seitlich nach unten sieht; - oder ob Wendungen in ausgeglichenen, hilfefreien, harmonischen Bewegungen und das Halt in aufrechter Haltung, Blick geradeaus ausgeführt werden. Wenn sich diese und andere Vorführungsunterschiede in der Bewertung nicht niederschlagen, dann ist jener betrogen, der die höher qualifizierte Leistung erbracht hat. Die ungerechte Behandlung von exponentialen Einzelpersonen wäre nicht die einzige Folge: Viel gravierender noch würde sich die damit unweigerlich zu erwartende Stagnation in der Entwicklung des Hundesports auswirken. Wenn wir aber vorhaben, unseren Sport attraktiver zu machen, dann müssen wir für Veränderungen bereit sein, und - wir müssen die Veränderungen im Kern und nicht an der Peripherie ansetzen. Aus jeder dieser Perspektiven gibt es nur einen Ausweg, und dies ist die Maxime der „freudig gezeigten Vorführung“, was immer wir im Augenblick noch darunter verstehen.

Bei den soeben skizzierten Beispielen ging es noch um verhältnismäßig überschaubare Unterschiede. Wenn wir die Vorführleistung auf allen Ebenen ernster nehmen, müssen wir den Bogen noch weiter spannen. Wir stoßen dann auf die subtilen Bereiche der Ästhetik, der Team-Arbeit oder der Ausstrahlung, um nur einige zu nennen. Es kann also nur von Vorteil sein, wenn wir das WIE der Vorführung als eine wichtige Perspektiven für die Zielvorstellung des Hundesportes in den Blickwinkel unseres Interesse stellen. Und dies gilt für alle Beteiligten: Für die Ausbilder, die Turniersportler, die Richter, die Repräsentanten und die Publikationsorgane.

Leider wollen und können einige mit Begriffen wie Ästhetik oder Ausstrahlung im Hundesport nichts anfangen, aber das ist deren Problem. Die Unterordnung ist zweifellos ein Akt, welchem man erst unter Einbeziehung ästhetischer Momente in vollem Umfange gerecht wird.
Das geht allein schon aus der Struktur der Anforderungen hervor. Anders als etwa beim Hochsprung oder Wettlauf entzieht sich die Unterordnung im Hundesport einer rein meßbaren Leistungseinstufung. Qualitative Unterschiede lassen sich eben nicht durch die Anzeige einer Uhr festmachen. Und auch die Bewertung der äußeren Form der Übungen kommt streng genommen nicht ohne Berücksichtigung dessen, was etwa ein „natürliche“ Bewegung charakterisiert, aus. Die rein oder dominant technische Einstufung reicht bei weitem nicht an das heran, was die Leistung des Mensch-Hund-Teams in der Unterordnung kennzeichnet. Wenn wir aber die Forderungen der Verhaltensbiologen, der Tierschützer, und einiger verantwortungsvoller Politiker ernst nehmen, dann sollte sich der Hundesport an “ethisch vertretbaren“ Leistungs-Anforderungen und gleichlautenden Ausbildungsmethoden ausrichten. Wir müssten dann jene Leistungen anstreben, die dem Hund in seinen Bedürfnissen und seiner unantastbaren Würde entgegenkommen: wir hätten uns um jene Leistungen zu bemühen, die den Hund weniger zwingend und mehr motivierend fordern.

Nun sind wir ja in der glücklichen Lage, daß zumindest e i n e in diese Richtung weisende Forderung schon seit langem in den Prüfungsbestimmungen dingfest gemacht ist. Dort wird wiederholt der „Freudig“ gezeigte Hund als Zielvorstellung ausgewiesen. Es liegt an uns, dieses einerseits verschwommene, andererseits ungemein inhaltsreiche Wort zeitgemäß und zielführend zu interpretieren. Von dieser Interpretation wird es abhängen, in welche Richtung wir den Hundesport führen. Grund genug, sich in einem der nächsten Artikel eingehend auch mit dem Begriff der „Freudig gezeigten Vorführung“ zu befassen.

Kriterien der Leistung

Allzu leicht ist man geneigt, Leistung nur im Blickwinkel technischer Aspekte zu sehen. Es fällt uns leicht, mit messbaren Unterschieden im Bereich von Zeit- oder Wegstrecken umzugehen, aber wir beginnen uns unwohl und unsicher zu, wenn es beispielsweise darum geht, die Harmonie zweier Bewegungen in einen Leistungsvergleich zu bringen. Wir tun uns sogar schon schwer, das Wort Leistung in diesem Falle zu verwenden. Das liegt in der Natur der Sache. Alles, was sich einer exakten, unumstößlichen Bewertung entzieht, nimmt uns gleichermaßen die Selbstsicherheit, damit umzugehen. Von da aus liegt es dann nahe, sich erst gar nicht damit zu beschäftigen oder andere, überschaubarere Kriterien in den Vordergrund zu stellen. Und eh’ man sich’s versieht, stellt sich das Argument des „Wichtigeren“ dort ein, wo’s eben leichter ist, ein Urteil zu fällen. Daß die Rangordnung der Werte auf diese Weise leicht Schaden leidet, liegt auf der Hand.

Was tun? - Vielleicht könnte man sich durch Ausleuchten der zunächst nebulös anmutenden Begriffe und Inhalte jene Sicherheit verschaffen, die im Umgang damit eine zwingende Voraussetzung darstellt.
Wie ein „Vorsitzen“ auszusehen hat und unter welchen Kriterien die volle Punktzahl beim Hürdensprung erreicht werden kann, das ist in den nationalen und internationalen Prüfungsordnungen klar und verständlich formuliert. Ja sogar die Abzugspunkte der Teilleistungen und Fehler sind aufgezählt. Die „äußerer Form“ der Leistung ist damit hinreichend umschrieben und verbindlich vorgegeben. Nun aber kommt der springende Punkt: Spiegeln die äußeren Formbeschreibungen die Leistung als Ganzes wider oder zeigen sie nur Einzelsteine des gesamten Mosaiks? Dringen sie bis zum Kern vor oder bleiben sie in der Hülle stecken?

Wenn wir einmal unvoreingenommen darüber nachdenken, was innerhalb einer Unterordnungsvorführung n o c h wichtig ist, dann tauchen wieder jene Begriffe auf, die man nirgendwo findet: „Team-Harmonie“, „Ausstrahlung b e i d e r Vorführenden“, „Arbeitswille“, „Konzentration“ oder besser gesagt: „wachsame, freudig-erwartungsvolle Aufmerksamkeit“; - die „Die Schönheit und Ausgeglichenheit der Bewegung“, und so weiter. Und wenn man dann weiter frägt, w i e wichtig diese Inhalte sind, dann werden heute viele sagen: Die genannten Punkte (die ich mit „Vorführungsleistung“ als Überbegriff und mit „Vorführungsqualitäten“ im Einzelnen zusammenfassen möchte) sind hochrangig wichtig, ja sie stellen eigentlich das das Wesentliche dar. Und sie sind daher nicht n e b e n oder u n t e r der Perfektion äußerer Ausführungskriterien einzustufen, sonder auf gleicher Stufe mit diesen.
Im Idealfall müssten die äußeren Ausführungskriterien mit jenen der Vorführungsleistung zu einer geschlossenen Einheit verschmelzen, etwa in jener Rangfolge, wie die äußeren Glieder einer Marionette dem von innen ausgehenden Impulsen folgen: Es liegt in der Natur eines Bewegungssystems, daß, - je weiter die Glieder vom Mittelpunkt entfernt sind, - ihre Bewegungen an Umfang und Geschwindigkeit zunehmen. Im Zentrum ist scheinbare Ruhe; und doch gehen die Kräfte von dort aus.

Wenn wir weiter darüber nachdenken, ob und wie sich dieser Ansatz in ein praxisgerechtes Bewertungssystem umsetzen, sich in das Bestehende einfügen läßt, so stoßen wir alsbald auf die Notwendigkeit klarer Zielvorstellungen, eindeutiger Begriffe und gültig beschriebener Inhalte.
Beginnen wir damit, jenen Rahmen zu erstellen, der uns auf dem Fundament der Naturgegebenheiten vorgezeichnet ist. Vertiefen wir das Verständnis dafür, wie Haltung und Bewegung aussehen müßte, um „natürlich“ und „harmonisch“ bezeichnet zu werden. Wer sich in diesem Rahmen bewegt, im Doppelsinn des Wortes „Bewegung“, macht sicher nichts falsch. Und gleichzeitig beinhaltet die Natürlichkeit einer Bewegung oder Haltung die Abgrenzung zur unerlaubten Hilfe. In diesen Rahmen können wir dann jene Qualitäten einfügen, jene Kriterien beschreiben, die nicht nur nicht falsch sind, sondern welche die „ideale, vollkommene Vorführung“ widerspiegeln: „Die Ziel-Kriterien (Ziel-Erkennungszeichen) der Vorführungsleistung“.

Was ist „Natürlichkeit“?

Wenn wir im Hundesport von „Natürlichkeit“ sprechen, so ist vor allem die Natürlichkeit der Haltung und Bewegung, die Natürlichkeit der Mimik und die Natürlichkeit der Sprache gemeint. Nirgendwo jedoch ist zu finden, was etwa unter „natürlicher“ Gangweise zu verstehen ist oder was sich hinter dem Wie der Vorführung verbirgt.

Die Angaben in der Prüfungsordnung sind äußerst knapp gehalten, stammen sie doch aus einer Zeit, wo diesbezügliche Vorstellungen eher in jene Richtung wiesen, was zu vermeiden sei: Beispielsweise überdimensioniertes Armeschwingen oder Bewegungen, die mit dem Ziel versteckter Hilfen eingebracht werden.
Es wäre an der Zeit, Natürlichkeit nicht nur in negativer Abgrenzung, sondern vielmehr in ihrer „auffordernden“, positiven Bedeutung zu verstehen: Was also im Sinne einer „natürlichen Vorführung“ anzustreben sei, um dem Idealbild nahezukommen und welche Kriterien erfüllt sein müssen, um das Leistungs-Ideal zu verwirklichen.

Bevor wir weitergehen, werfen wir einen flüchtigen Blick auf jene Momente im Hundesport, in welchen Natürlichkeit von besonderer Wichtigkeit ist. Innerhalb der drei Disziplinen Fährte, Unterordnung und Schutz ist es zweifellos die Unterordnung, welche die Natürlichkeit von Haltung und Bewegung besonders hervortreten läßt. Fährte und Schutzdienst stellen die Anforderungen vordergründig an den H u n d, der im Idealfall zwar immer in der Gewalt der Hundeführers sein sollte, in diesen Disziplinen aber doch weitgehend frei agieren soll. In der Fährte konzentriert sich der Hund nach unten und vorne, im Schutz auf den Figuranten, die Verstecke und auf diverse Aufgaben. Der Hundeführer verkörpert zwar immer noch die „oberste Schaltzentrale“, aber er steht, wenigstens zeitweise, gleichzeitig im Hintergrund. In der Unterordnung sieht das anders aus. Hier ist es von Anfang an die Teamarbeit, die im Vordergrund steht. Nirgendwo anders wird in ähnlicher Weise deutlich, wie weit das wechselseitige Zusammenspiel von Mensch und Tier gelungen ist. In keiner anderen Disziplin ist die wechselseitige Konzentration von Mensch und Hund derart intensiv und nirgendwo anders ist das emotionale Band so innig wie in der Unterordnung. Haltung und Bewegung beider Partner spielen hierbei eine enorm wichtige Rolle, sind es doch die Signale der Körpersprache, welche - neben den Hörzeichen - als „Dolmetscher innerer Vorgänge und Absichten“ dienen. Und schließlich sind es wiederum Haltung und Bewegung, die nach außen hin dem Betrachter signalisieren, auf welcher Ebene die vorgeführte Teamarbeit steht. (Daß auch die „Lüge im Ausdruck“ möglich ist - und praktiziert wird - stellt sich uns als traurige Nebenerscheinung. Auf diese Thematik möchte ich aber erst im Rahmen eines Aufsatzes über Zwang eingehen.)
Eine wissenschaftliche Studie zeigt auf, daß die ersten sieben Sekunden einer Begegnung über Sympathie und Antipathie entscheiden. Die Geschichte lehrt uns, daß ganze Völker von nichtigen Emotionen eines Einzelnen ins Verderben geführt wurden. Unterbewußte Vorgänge steuern also weit mehr, als uns dies gemeinhin bewußt wird, unsere Entscheidungen, unser Leben. Das gilt für den einen mehr, für den anderen weniger, aber es gilt für uns alle! Indem wir leben, wirken wir, nolens volens (lat.: nicht wollend oder wollend), auf andere, und indem wir leben, nehmen wir Wirkungen anderer, wiederum nolens volens, an u n d auf. Auch aus dieser Sicht tun wir gut daran, über die Wirkung von Haltung und Bewegung nachzudenken.

Nun einige konkrete Wirkungsbeschreibungen von Haltung und Bewegung: Jeder Hundesportler weiß, daß er beispielsweise durch Veränderung der Schrittfrequenz und Schrittweite Einfluß nehmen kann auf die Gangweise seines Hundes, ja sogar auf die innere Befindlichkeit seines Partners. Die langweilige, schlappe Gangweise des Einen wird ihre Wirkung auf den Hund ebenso wenig verfehlen wie das agile, aktive Schreiten des Anderen. Auch bei den Seit- und Kehrtwendungen, beim Anhalten, Angehen, beim Langsamen Schritt oder im Umgang mit dem Bringholz kommt es auf das Wie an. Wer nun meint, er könne mit ausgeprägten Bewegungen bessere Ergebnisse erzielen, geht auf den Leim, denn die Prüfungsordnung weist ausdrücklich „Hilfen“ als unerlaubt zurück und quittiert sie mit Punkteabzug. Wo aber ist die Grenze? Wo endet das “natürliche Körpersignal“ und wo beginnt die „unerlaubte Hilfe“?
Den Maßstab hierfür bietet die Natürlichkeit. Der Hundeführer soll sich n a t ü r l i c h bewegen. Die Forderung nach einer natürlichen Haltung und Bewegung soll die übertriebene und damit ungerechtfertigte Körpersprache, die „Hilfe“ in Schranken halten. Dabei dürfen wir aber nicht übersehen, daß auch die „Natürliche Haltung und Bewegung“ nicht ohne Signale auskommt.

Es geht nicht darum, keine Signale zu geben, sonder darum, die natürlichen, die in unserem Sinne richtigen und erlaubten zu nutzen! Die natürliche Körpersprache unterscheidet sich von anderen Ausdrucksformen vor allem qualitativ!

 

 
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