Lange galt in der Vorstellung der Menschen „Harmonie“ als Innbegriff der Vollkommenheit: „Mens sana in corpore sano“. (In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.). Auch Wissenschaft und Kunst waren bis ins Mittelalter geprägt von einem Weltbild geregelter Ordnung. Erst in unserem Jahrhundert, als Folge ganzheitlichen Denkens, begriff man, daß die Gesetze nur scheinbar ehern und unverrückbar sind. Von Barta Lenffy stammt der treffende Begriff des „Fließgleichgewichts“. Inzwischen hat uns die moderne Gehirnforschung ebenso wie die Chaos-Forschung völlig neue Sichtweisen geöffnet und das alte Bild einer geregelten Harmonie, berechenbar und Sicherheit bietend, erheblich ins Wanken gebracht. Harmonie ist demnach kein Endzustand, sondern ein sich stets erneuernder Prozess - , gekennzeichnet durch Regressionen und Richtungswendungen. Zahlreichen, unvorhersehbaren Einflüssen ausgeliefert. Aber das scheinbare Chaos zeigt uns eine neue, ungeahnte, um vieles differenziertere Harmonie. Rückschritt, Störung und Richtungswechsel beinhalten auf lange Sicht kreative, konstruktive Kräfte und sind alles andere als „zerstörend“. Das Chaos ist die Geburtsstunde für Neues.
Auch die Pädagogik ist von diesen gewaltigen geistigen Umbrüchen betroffen. Wir müssen, um das Leben tiefer zu vestehen und besser mit ihm umzugehen, die alten Vorstellungen eines „stufenweisen, berechenbaren Höherschreitens“ aufgeben zu Gunsten offener, sich teilweise selbst regulierender Lernprozesse. Die Aufgabe besteht vor allem darin, die innewohndende Regulatoren zu erkennen, um sie daraufhin behutsamst, einfühlsam und mit einer Fülle an Kreativität zu unterstützen. Einfach ausgedrückt heißt das: „Fördern statt Fordern“. Lernen ist eben mehr als nur das Reagieren auf inszenierte Reize. Mit Reiz und anschließender Betärkung erreicht man allenfalls die Peripherie des Möglichen. Motivation tritt in unzähligen Erscheinungsformen und in unterschiedlichster Intensität auf. Leider ist die zeitgenössische kynologische Literatur voll von wiedergekäuten und längst überholtem Gedankengut. Reiz-Reaktionstheorien und ihre praktische Umsetzung innerhalb methodischer Konditionierung reichen an das, was die Natur mit ihren komplexen Motivationsvorgängen zeigt, jedoch nur annähernd heran.
Wenn man sich die Geschichte der Hundeausbildung vor Augen hält, so spiegeln sich die soeben skizzierten Spuren der jeweiligen Geisteshaltung ebenso wie das zur Verfügung stehende Wissen und Können wider. Noch vor 100 Jahren kulminierte die Maxime in der Hundeausbildung in der Zielsetzung: „Der Hund muß zum Werkzeug des Hundeführers werden.“ In diesem Anspruch begegnet uns nicht nur der homo sapiens in seinem überheblichen anthropozentrischen Weltbild (Mensch sieht sich als Mittelpunkt des Universums), es begegnet uns darüber hinaus Achtungslosigkeit dem Leben gegenüber: „Der Hund als „Werkzeug“, - da wird der Hund weniger als ein bis zur Willenslosigkeit unterworfener Sklave, er wird sozusagen zur entseelten Materie, er wird zum toten Instrument. Dieses Zerrbild steht in krassem Widerspruch zu den Idealen, die es auch im Hundesport seit Anfang an gab. Schon Xenophon (430-355 v. Chr.) rühmt den „Freudigen „ Hund. Liest man die kynologische Literatur, so findet man so gut wie alles wieder, was heute modern ist. Es ist die Rede von der „Wahren Verständigung“, von den „Natürlichen Verhalten“, das es zu unterstützen gilt“ usw. Aber die eingesetzten Praktiken standen meist im krassen Widerspruch zum angestrebten Ideal. Bei allen ernstgemeinten Bemühungen: Man wusste und konnte es nicht besser. Das entsprechende Grundlagenwissen war noch nicht verfügbar.
Jede Zeit hat ihre eigenen Antworten. Im folgenden werden wir versuchen, die „Mensch-Hund-Harmonie“ (Diesen Begriff habe ich übrigens nirgendwo in dieser Form, sondern immer nur umschrieben gefunden) aus der Sichtweise unserer Zeit, - in kürzen Zügen, - zu beschreiben: Meinen Seminaren stelle ich jeweils einen Vortrag voran, dessen Kernstück im Leitbild der „Drei Zinnen“ besteht. Die wichtigste Zinne in diesem Bild ist die Ethik. Die Verantwortung des Menschen sich selbst und seiner Umwelt gegenüber. Die neuere Tierethik hebt zu Recht vor allem die „Mitgeschöpflichkeit“ hervor, nach welcher das Tier seine Rechte nicht gnadenhalber vom Menschen erhält. Leben selbst beinhaltet Rechte, und es ist die Aufgabe des Menschen, die Mitgeschöpflichkeit zu achten und dementsprechend zu verwalten. Mißachtet er sie, so verletzt er nicht nur die Würde seiner Mitgeschöpfe, sondern er verletzt seine eigene Würde. Für eine harmonische Mensch-Hund-Beziehung, im Hinblick auf Ausbildungsgrundsätze, heißt das: „Das Miteinander in der häuslichen Gemeinschaft, aber auch das Miteinander im Sport und im Aufgabenfeld des Gebrauchshundes ist so zu planen und zu gestalten, daß das Erlernen und Ausführen der erwarteten Aufgaben arteigen und lustvoll vom Hund erlebt werden kann.
Zwang, Druck, Schmerz und Frustration sind zwar unabdingbare Begleiter des Lebens – auch des Lebens des Menschen! – aber sie sind aus ethischer Sicht zu rechtfertigen und auf das jeweils durchführbare Minimum zu beschränken. Wo immer möglich, sind sie durch „Positive Motivation“, durch „Passive Einwirkung“ und durch „Resonanz-Szenarien“ zu ersetzen. Ein Rest an Meidemotivation ist unumgänglich und auch ethisch vertretbar.“ (Zitat E. Lind 1997 anläßlich einer Tierschutzveranstaltung in Olton in der Schweiz).
Auf allgemein gefaßte Formulierungen darf man jedoch nicht stehenbleiben. Es geht darum, die folgerichtigen Konsequenzen praktisch umzusetzen. Hier zunächst einige grundsätzliche Forderungen zur Harmonisierung der Mensch-Hund-Beziehung.
• Geimeinsamkeiten sind zu betonen. • Unvermeidbare, unüberbrückbare Andersartigkeit ist zu akzeptieren. • Wo es die zwischenartliche Nachbarschaft ermöglicht, sind Brücken zu schlagen.
Zum ersten Punkt. Vieles, was Menschen, vor allem Kinder benötigen, ist auch für das Wohlergehen des Hundes Voraussetzung eines gesunden und glücklichen Werdegangs: Geborgenheit, (erfahrene) Zuwendung, Abwechslungsreiche Herausforderungen, Lernangebote (u.A.). Die beiden hier angesprochenen Ebenen könnten man vereinfacht „soziale und individuelle Nachbarschaft“ nennen.
Aber auch vieles aus der Gefühlswelt des Hundes ist uns vertraut. Hunde zeigen die uns wohlbekannten Verhaltensmerkmale für Freude, Erwartung, Ungeduld, Schmerz, Trauer und andere. In der „emotionalen Nachbarschaft“ steht uns der Hund sicher um vieles näher als im Blickwinkel der Intelligenz. Aber Ähnlichkeiten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Hund letztlich eben doch ein Hund und kein Mensch ist. Der Hund lebt weitgehend im Jetzt, - emotionsbetont. Sein Verhalten wird von zahlreichen genetischen und biochemischen (z.B. Hormonen) Regulatoren gesteuert und auch seine Sinneswahrnehmungen unterscheiden sich erheblich von jenen des Menschen. Trotz dieser Unterschiede aber lassen sich Brücken finden. Beispielsweise in der Kommunikation. Körpersprache und Hörzeichen dürfen nicht länger allein die Erfahrungswelt des Menschen widerspiegeln, sondern sie müssen für den Hund annehmbar adaptiert werden. Meine Beiträge hierzu sind die „Syntone Kommunikation“ im Bereich der Körpersprache und das „Hözeichenkompendium“, welches im soeben erschienen Buch TEAM-dance (GU) vorgestellt wird. In TEAM-dance muß der Hund (in der höchsten Stufe 4) 19 Standards mit insgesamt mehr als 140 Übungen (!) können. Mit den alten Hörzeichen kam man nicht mehr aus. Der Versuch, neue hinzuzufügen, schlug fehl. Viel zu viele Verwechslungen waren die Folge. Das Problem konnte nur mit einer generellen Überarbeitung des gesamten Hörzeichen-Komplexes gelöst werden (Entwicklungszeit für das Hörzeichen-Kompendium: vier Jahre.)
Auf dem Fundament einer aktiven, gegenseitig und gleichzeitig erhaltenen Kommunikation (Syntone Kommunikation EL) läßt sich all das aufbauen, was in der Folge aus ethologischer und pädagogischer Sicht Sinn macht: Zunächst das Bilden eines „Entspannten Feldes“ als Voraussetzung für unbefangenes Spiel, frei von negativen Streßfaktoren, frei für das eingeleitete „Freie Spiel“ als Spiel um seiner selbst willen. Die Bedeutung des Spiels, aktioanal (Hunde untereinander) und interaktional (Mensch und Hunde), kann nicht genügend hervorgehoben werden! Wir wissen heute, daß Kinder mit einem Defizit an Spiel (und Berührung!) bis zu 20 % weniger Gehirnmasse aufweisen als die Vergleichsgruppe defizitfreier Gleichaltriger. Ähnliche Ergebnisse wurden bei Tieren nachgewiesen.
Spielen allein jedoch genügt nicht. Es kommt darauf an, das Spiel richtig zu gestalten, Mein Beitrag hierzu ist die breite Palette an Spiel-Know-how, die ich in den Büchern und Videos „Richtig Spielen mit Hunden“ und dem darauf aufbauenden Titel „Hunde spielend motivieren“ beschrieben habe. Wir nennen diese Phase der Ausbildung heute „TEAM-Balance“ und meinen damit, daß beide, Hund UND Mensch lernen, miteinander harmonisch umzugehen. Spielen unter Nützung aller Motvationsbereiche (Integrative Motivation EL) steht auf dem Programm. Mit der Betonung der Primärmotivation, das heißt, nicht der Leckerbissen am Ende ist das Wesentliche, sonder „das Tun an sich“ soll Spaß machen. Weil aber Freude (und Unbefangenheit!) aufhören, wenn Zwang einsetzt (Verlust des „Entspannten Feldes“) steht und fällt das Spiel mit der Präsenz oder dem Verlust des Vertrauens. Von Vertrauen sprechen alle. Aber die Frage ist, wie kann Vertrauen im Spiel optimal aufgebaut werden? Das „Entspannte Feld“ schafft erst die Voraussetzung. Was weit unterschätzt wird, ist Berührung. Vertrauen wird zu hohem Anteil durch Berührung grundgelegt. Der Mensch aber tritt dem Hund normalerweise stehend gegenüber. Unter dieser Voraussetzung sind wenige Berührungen möglich. Es fehlt vor allem an Berührungsmöglichkeiten, die nicht der Mensch, sondern der Hund einleitet. Daher habe ich die „Basis-Übung“ entwickelt, in welcher der Mensch am Boden sitzt, zahlreiche Berührungen nach dem Vorbild der Welpen untereinander ermöglicht und fördert. Ein weiterer Beitrag sind die von Anfang an gleichzeitig und gleichranging vermittelten Grundhaltungen , , und , welche auf neue Art und Weise vermittelt werden. Das wohl frappierendste Beispiel ist eine neue Methode, das Liegen zu vermitteln. Der „Team-Führer“ sitzt am Boden, stimuliert den Hund mittels Stimme und MO (Motivationsobjekt EL) , simuliert mit den aufgestellten Knien eine Art Höhle und belebt in der „Höhle“ das MO. Was macht der Hund?“ER LEGT SICH AUF DIE LAUER“, wie es die Sprache ethologisch treffend wiedergibt. – Und : Liegt. Auf Anhieb, - ohne methodische Stufenleiter! Dieses Prinzip („Szenario-Resonanz“ EL) habe ich in zahlreichen Unterordnungsübungen erfolgreich angewandt. Ebenso die umfangreichen Möglichkeiten der „Passiven Einwirkung“ , welche von Anfang für die formal richtige Ausführung einer Aufgabe eingesetzt werden, ohne den Hund zu berühren, ohne Kommandos, frei von Druck, Zwang oder Schmerz.
Eines vom Wichtigsten jedoch innerhalb dieser Ausbildungsprogramme ist der „Geistige Zügel“ - die in Form gebrachte Autorität, symbolisiert in der gespreizten Hand: Eine der Aufgaben in TEAM-Balance besteht darin, mitten im Spiel (bei hohem Motivationsniveau) den Hund plötzlich mittels „Geistigem Zügel“ zu stoppen (Spiel und Stop), wobei der Hund kein submissives Verhalten (Unterwerfung) zeigen darf, sondern alle Erkennungszeichen einer positiv gestimmten Erwartungshaltung äußert. Wir sprechen hier von einem neuem Verständnis der Führigkeit, die über den Appell hinaus auch qualitative Anforderungen zu erfüllen hat.
Den krönenden Abschluß der Vorbereitungsphase bildet die „Paradeübung“ . Der TEAM-Führer schleicht sich vom abgelegten Hund weg, berücksichtigt die „Augen-MO-Linie“, spielt mit den Regulatoren Körpersprache, Stimme, MO, Geistiger Zügel und hält damit den Hund in hoher bis höchster Konzentration. Gleichzeitig demonstriert er die freiwillige (positiv besetzte!) Ein-Ordnung des Hundes. Mit einem beliebigen „Auslöser“ wird der Bogen entspannt. Der Hund springt auf, galoppiert zum Team-Führer und es folgt ein freies Spiel nach allen Regeln der Kunst. In der „Parade-Übung“ zeigt der TEAM-Führer gemeinsam mit seinem Hund, was diese neue Art mit dem Hund umzugehen, ausmacht: BALANCE AUF ALLEN EBENEN. Von hier aus können nahtlos weitere spotliche Aufgaben einfließen. Jedoch stets unter der Pflicht: „Üben bleibt Spielen“ . Wer mehr über diese neu Art der Mensch-Hunde-Beziehung erfahren möchte, findet im soeben erschienen, Buch „Mensch-Hund-Harmonie – Unterordnung auf neue Art“ ( Siehe Buch Kosmos- Buch bestellen: >> Ratfels - Österreich <<) die entsprechende Vertiefung.