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Letzte Änderung: 28. August 2010
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Kein Leben ohne Spiel

Text © 1999 by Prof. Ekard Lind, Fotos © 1999 by Ekard Lind
Abdruck und Publikation – in jedweder Form, auch auszugsweise, - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet.

 

Eine der entscheidenden Ursachen für die Höherentwicklung der Säugetiere war unter anderem die Ausrichtung des Verhaltens auf Anpassung, wobei über die Instinkthandlungen hinaus das Lernen eine immer bedeutendere Rolle spielte. Hierbei kristallisierten sich Neugier und Spannungssuche als die wichtigsten Triebfedern für anpassungsorientiertes Lernen heraus. Um das Risiko des „Ernstfalles“ auszuschließen, „erfand“ die Natur das „Spiel“. Im Spiel konnten Verhaltensweisen risikofrei ausprobiert und eingeübt werden. So wurde das Spiel für Mensch und auch für höherentwickelte Tiere zum Exerzierfeld der Lebensvorbereitung.

Wenn von Spiel die Rede ist, wird im Allgemeinen auf eben diesen Zusammenhang hingewiesen. Was jedoch vielfach übersehen wird ist, daß Spiel nicht nur zweckorientiert ist.

Spiel wurde ist gleichzeitig lustbringenden Ereignis um seiner selbst willen. Nicht nur der Erfahrungsgewinn, sondern das Spielerische Tun in sich beglückt. Was wunder, wenn sich Kinder ebenso wie höhere Tiere diese Quelle der Beglückung immer wieder verschaffen, indem sie das Spiel suchen, indem sie den Großteil ihrer Zeit spielerisch verbringen. Hinzu kommt: das Spiel steht sozusagen jederzeit und allerorts zur Verfügung; - im Gegensatz etwa zum Freßvergnügen, welches das Vorhandensein von Futter voraussetzt.

Während das Spiel der erwachsenen Tiere eines Wolfs-Rudels immer wieder zur Agressionsbeschwichtigung eingesetzt wird, spielen Welpen weitgehend ohne erkennbaren Ernstbezug. Die Endhandlungen, wie etwa das Totbeißen, fehlen. Bekannt ist auch der schnelle Wechsel der Antriebe und Stimmungen und die Vermischung derselben. Im Spiel lernen die Welpen nicht nur die Einübung motorischer Perfektionierung und sozialer Verhaltensweisen. Sie lernen und üben das Lernen selbst und bereiten auf diese Weise ihre erstaunlichen Anpassungs-Fähigkeiten vor.
Eric Zimen schreibt: „Mitten in einer völllig friedlichen und ann auch stets lautlosen Spielerei packt plötzlich ein Welpe das Nackenfell seines Partners, knurrt und schüttelt es wie wild, als wolle er gerade ausprobieren, wie man eine wehrhafte Beute schnellsmöglich umbrinft. Eine wütende und lautstarke Keilerei ist die Folge, die ebenso unvermittelt wie gerade begonnen en einem ausgelassenem Spiel endet. Oder die Welpen überfallen gemeinsam ein Wurfgeschwister und nehmen dieses richtig in die , um sich gleich darauf ein neues Opfer auszususchen. Auch Verhaltensweisen, die sonst nur in sexuellem Kontakt auftreten, wie das Aufreiten und Beckenstöße, sind im spielerischen Geschehen in dieser Zeit häufig zu beobachten wie auch Elemente aus dem Jagdverhalten. Erst ab dem vierten Lebensmonat kommt es zumindest bei den Wölfen zu einer weitgehenden Trennung spielerischer und sonstiger Antriebe. Dann erscheint das Spiel in seiner reinen Form, bei der zwar Verhaltenselemente aus anderen Funktionskreisen wie der Jagd, des Kampfes oder der Verteidigung integriert sind, Aggressionenen , Jagd oder Sexualität aber nicht mehr als selbstständig motivierte Antriebe damit vermischt werden. Es wird weiterhin im Spiel „zum Spaß“ gekämpft, aber der wirkliche Kampf findet nicht mehr im Spiel statt. Erst bei älteren Tieren treten erneut aggressive Tendenzen im Spiel auf.“

Im Spiel messen die Jungtiere ihre Kräfte. Sie üben sich in Rangordnungsspielen, wobei sie versuchen, ihren Rang-Status zu verbessern. Der Hund bleibt im Spiel zeitlebens auf dieser Stufe der Vermischung unterschiedlicher Antriebe stehen. Er bleibt sozusagen ein Spiel- Welpe. Im Grunde genommen halten wir den Hund in dieser Entwicklungsstufe sein Leben lang. Daß er damit schadlos leben kann, steht außer Frage. Aber wir dürfen nie vergessen, daß wir dem Hund auf Grund dieser psyhischen Manipulation das Spiel schuldig sind. Denn wenn zu den entbehrten Natur-Befriedigungen eines Lebens in Freiheit auch noch der Entzug der Ersatzmöglichkeiten hinzukommt, dann leidet der Hund aus tiefster Seele. Viele der Verhaltensstörungen bei Hunden sind auf permanente seelische Grausamkeit zurückzuführen, und – auf Vermenschlichung. Der Hund wird nie verstehen, daß ein Vorsitzen ohne Berührung weniger wertvoll sein soll als Herrchen mit der Pfote auf den Fuß zu steigen (um wenigstens noch ein bißchen Körperkontakt zu haben). Wenn der Mensch will, daß der Hund artfremde Verhaltensweisen oder –Details vollbringt, dann muß er Wege und Mittel finden, dem Hund die Aufgabe lustvoll zu gestalten. Kein anderes Medium bietet hierzu bessere Bedingungen wie das Spiel und die Motivation.

Individuell Spielen

So universell sich das Spiel auf der einen Seite zeigt, so individuell gestaltet es sich auf der anderen. Und jedes, auch noch so allgemeine Spiel erfährt durch denjenigen, der es betreibt, seine einmalige, undwiederbringliche und individuelle Ausformung. Tiere und Kinder haben kein Problem damit, ihre ureigene Weise des Spielens zu finden und zu verwirklichen. Der Erwachsene hat sich in der Regel vom Spiel und seiner natürlichen Atmosphäre entfernt. Entwöhnt vom Spiel, tut er sich mitunter schwer, vorhandene Hemmungen, Unsicherheiten und Ängste abzuwerfen. Er ist der Selbstverständlichkeit kindlicher Verwandlungskunst ebenso wie dem magischen Bann des Spiels entwachsen. Oder sollten wir besser sagen, er hat sich im Sog des Zeitgeistes und überalterter Gesellschaftsformen davon gelöst?

Viele Erwachsene müssen das Spiel buchstäblich wieder erlernen. Im Verband mit spielgeübten Menschen, vor allem aber mit Kindern und Tieren, fällt das Wiederentdecken längst verschollen geglaubter Talente leichter.

Kein Alter ist zu alt fürs Spiel
Worauf es bei der Wiedergeburt des Spiels ankommt, ist das Los-Lassen können. Los-Lassen von der Welt der Erwachsenen, von der Welt des reinen Intellektes und der Maschinen. Loslassen aber auch von allzu festgesetzten Zielvorstellungen, von Berechnung und Erwartungseinlösung um jeden Preis. Spielen heißt nicht nur, sich der Faszination anheim geben, sondern auch: sich ausliefern dem Spiel-Risiko. Es heißt, sich freiwillig Regeln unterzuordnen und es bedeutet vor allem, sämtliche Kräfte einzusetzen, ohne kalkulierbare Sicherheit, den geleisteten Einsatz zurückzuerhalten. Spiel schließt in seinen extremen Exponaten Siegen und Verlieren mit ein; und beides liegt oft sehr eng beieinander. So stellt also nicht der Sieg den eigentlichen Wert des Spiels dar, sonder das Spiel selbst ist es wert, sich dafür einzusetzen. Denn: was wäre der schönste Sieg ohne das Spiel?
Sich aber für das Spiel einzusetzen, bedeutet für jeden Mitspieler, sein persönlich Bestes einzubringen.
Im Spiel geht der Ausführende mit der Umwelt eine äußerst spannungsgeladene, herausfordernde Verbindung ein. Einen aktiven, individuellen Dialog. Wer sich auf Fähigkeiten verläßt, die er nicht wirklich besitzt, wird sich im Spiel ebenso wie im Leben verfehlen. Sich bereichert, belehrt und beglückt wiederfinden kann sich nur, wer seine ganz persönlichen Kräfte aktiviert. Das Spiel lehrt ebenso wie das Leben, uns mit unserer individuellen Eigenart auszusöhnen. Es fordert uns auf, einzuwilligen in das persönlich einmalige Sein, ohne Selbstzweifel und Unzufriedenheit. Einfach nur der zu sein, der wir kraft Geburt und Werdegang geworden sind, im Einverständnis unseres Selbst.

Jeder spielt anders

Mit einfachen Worten: Bevor wir uns im Spiel verwandeln, müssen wir erst einmal alle fremden Verkleidungen ablegen. Nackt sind wir am schnellsten neu angezogen. Danach mag dem einen oder anderen, in hohen Zeiten des Spiels, das Kunststück gelingen, über sich hinauszuwachsen und auch im Leben zu dem zu werden, worin er sich im Spiel verwandelt hat. Am Anfang jedoch steht das Los-Lassen, - den Doktor oder Professor, den erfolgreichen Geschäftsmann oder die bildschöne Lady abzuwerfen und ganz einfach „Ein Teil des Spiels zu werden“. Vergessen wir all den Ballast von Äußerlichkeiten und werden wir wieder zu Kindern – im Spiel!

Nach dem Loslassen kommt die Verwandlung ins Spiel. Hier die „fliehende Beute“, die sich ängstlich und auf leisen Sohlen aus dem Staub macht
In die Praxis umgesetzt, bedeutet dies: Herauszufinden, welche Spiele einem selbst am besten liegen, und wo man seine Eigentümlichkeiten besonders gut einbringen kann.

Auf der anderen Seite gilt es, für den Hund mitzudenken: Auf welche Spiele spricht mein Hund gut an? Das schließt nicht aus, nach einiger Zeit auch andere, ja sogar gegenindividuelle Spiele einzugehen. Spiele, die einem selbst nicht liegen, aber dem Hund. Aber für den Anfang ist man gut beraten, einen möglichst streßfreien Einstieg zu wählen. Streßfrei für beide Teile, für Mensch und Hund! Denn jegliche Form von negativem Streß ist zunächst einmal spielfeindlich.

Motivations-Stabilität

Nirgendwo anders offenbart sich die Mensch-Hund-Beziehung so deutlich wie im Spiel. Hier zeigen sich Verhaltensauffälligkeiten oft schon bei Spiel-Beginn. Aber leider werden diese vom Hundeführer nicht immer bemerkt. Oder man ist bemüht, das eigene Unvermögen, den Hund beispielsweise auch nur zehn Sekunden an sich zu binden, allerlei anderen, nur nicht den wirklichen Ursachen zuzuschreiben: Der Hund sei nicht spielerisch veranlagt oder: im Augenblick würden ihn eben andere Dinge mehr interessieren.

Wer aber Erziehung und Ausbildung auf Motivation und Spiel aufbauen möchte, muß sich an den gültigen Grundsätzen orientieren. Hierzu gehört vor allem eine stabile Motivation, die intakte Rangordnung sowie schlüssige, didaktisch-methodische Entscheidungen. Wer auf Motivation setzt, kann nicht gleichzeitig auf sie verzichten. Auch nicht teilweise! Die Spiel-Motivation ist gerade so viel wert, wie sie auftretenden Ablenkungen standhält. Sie muß in jedem Augenblick des Spiels höher stehen. Wer seinen Hund nicht zu faszinieren und zu binden vermag, der gleicht einem Karten-Spieler, der in der Farbe Motivation lediglich eine Acht in der Hand hält. Das Spiel ist verloren, bevor es begonnen hat. Wer motivational vorgehen möchte, braucht Motivation in Fülle. Das ist jene Motivation, die sich durch nahezu nichts mehr ablenken läßt und die, trotz aller natürlicher Schwankungen des Niveaus, während des gesamten Spiels niemals unterbrochen wird. Mit dieser Beschreibung läßt sich schon allerhand anfangen:
Die ideale Motivation zeichnet sich durch zweierlei aus: Durch ein hohes Grund-Motivations-Niveau, welches je nach Spielsituation durch mehr oder minder hohe Motivations-Spitzen abgelöst wird, und zweitens durch Permanenz. Motivation ist nur dann tragfähig, wir sagen stabil, wenn sie beide Komponenten enthält.
Wo immer das Motivations-Niveau oder die Motivations-Permanenz nicht ausreichen, sind Probleme zu erwarten. Probleme, die sich dann oft nicht dort, wo sie auftreten, lösen lassen, sondern die einzig und allein durch eine generelle Neuorientierung auf die Spiel-Grundsätze zu beheben sind.

Motivations-Stabilität ist eine der wichtigsten Grundlagen des Spiels
Nun mag man sich fragen: Ist dieser Anspruch überhaupt realisierbar oder bleibt er nur wenigen Wunder-Talenten oder außergewöhnlich fleißigen Hundeführern vorbehalten?
Keine Angst! Grundsätzlich kann jeder die Motivations-Stabiltiät erreichen, ein normal veranlagter Hund vorausgesetzt. Hierzu ein Beispiel. Wer dann und wann mit seinem Hund auf dem Spaziergang spielt, hat möglicherweise das gleiche erlebt, was so mancher begeisterte Spiel-Hundeführer berichtet: Der Hund will nach dem Spiel nicht mehr von seiner Seite weichen. Er begleitet ihn, und zwar von sich aus, absolut freiwillig, gehend und ständig hochblickend, den gesamten Weg nach Hause. Zehn Minuten lang oder länger. Nichts kann den Hund ablenken. Abwechselnd springen die Augen dorthin, wo er den Ball versteckt weiß oder zu Herrchens Gesicht. Selbst durch abwehrende Gesten läßt er sich nicht davon abbringen.

 

Eine BGH- oder SchH-Prüfung dauert jedoch nur acht Minuten lang. Wenn der Hund unter bestimmten Umständen 15 Minuten lang hoch motiviert sein kann, warum dann nicht auch in einer viel kürzeren Prüfung, oder zumindest über die Länge eines kurzen Spiels? Grundsätzlich weiß man ja: Was einmal geleistet wurde, läßt sich wiederholen. Es kommt nur darauf, ähnliche Verhältnisse zu schaffen. Eines der Ziele ist es daher, die Stabile Motivation jederzeit und an jedem Ort abrufen zu können, so daß der Hund 8, 10 oder 15 Minuten hoch motiviert ist, sich durch nichts ablenken läßt und während der gesamten Zeit des gemeinsamen Spiels (ohne Ausnahme!) ununterbrochen (permanent) in unserem Bann bleibt.

Bei mangelhafter Motivations-Stabilität ist das gesamte Unterfangen auf Sand gebaut. Viele von uns kennen die erforderliche Oktanzahl ihres PKW, Reifendruck vorn und hinten und auch die Höhe der monatlichen Steuer und Haftpflicht. Sie wissen, daß ihr Fahrzeug einen ganz bestimmten Treibstoff benötigt, sonst geht der Motor kaputt. Aber sie haben noch nie ausprobiert, auf welchem Motivations-Bereich ihr Hund bei welcher Übung am besten anspricht, und sie halten es nicht für besonders schlimm, wenn sich ihr Hund mitten im Spiel nach Belieben davon macht, sich abwendet oder an irgend etwas zu schnuppern beginnt.

 

 
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